Was ich bislang nicht wusste: Frauen wird der Zutritt zu Théophraste Renaudots Bureau d'Adresse untersagt, aus moralischen Gründen; Renaudot fürchtet die üble Nachrede, eventuell meint er, man könnte ihm vorwerfen, der Prostitution Vorschub zu leisten. Er weiß aber nur zu gut, dass er damit potenzielle Kundinnen – sowohl Dienstgeberinnen als auch Dienstbotinnen – ausschliesst, weswegen er eigens klarstellt, dass Männer, die von ihren arbeitssuchenden Frauen zum Bureau geschickt werden, an die ältesten und unbescholtensten Frauen weitervermittelt werden, mit deren Hilfe die entsprechenden Frauen Arbeit finden könnten.1 Es gibt also Hinweise darauf, dass Frauen trotz aller Widrigkeiten die Dienste des Bureau in Anspruch nehmen; auch heisst es in einem bald nach der wahrscheinlich 1630 erfolgten Eröffnung des Bureau d'Adresse aufgeführten Ballett folgendermaßen: Chacun se fait enregistrer, / Les serviteurs & les maistresses, / Afin de se mieux rencontrer / Courent au Bureau des addresses.2 Interessant auch, dass es in den zum Ballet veröffentlichten Versen das Bureau als Stätte der Heiratsvermittlung bezeichnet wird: Filles qui cherchez maris, / Beaux garçons qui cherchez femmes, / Voici l'unique à Paris / Pour satisfaire vos ames, / Donnez trois sols tant seulement, / Vous aurez contentement.3 Durch die im Inventaire des addresses du Bureau de Rencontre veröffentlichte Aufzählung der Dienstleistungen des Bureau wird dies allerdings nicht gedeckt: Dort wird nur angeboten, eine erfolgte Heirat mittels öffentlichem Anschlag bekanntzumachen sowie geeignete Räumlichkeiten für die Hochzeit zur Verfügung zu stellen.(S.29f) Das Bureau ist also zugleich auch eine Event-Agentur.
(1) Renaudot, Théophraste: Inventaire des addresses du Bureau de Rencontre, Ou chacun peut donner et recevoir avis de toutes les necesitez, et commoditez de la vie et societé humaine. Paris: o. V., 1631, S. 26f.
(2) Balet du Bureau de Rencontre. Dancé au Louvre devant Sa Majesté. Paris: Iulian Iacquin, 1631, S.22.
(3) Vers du ballet du bureau des addresses. o.O.: o.V., 1631, S.4.
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Adressbueros - Fr, 24. Mär. 2006, 09:31
Tja, japanisch sollte man können: In dieser auf der Homepage der Ritsumeikan University abgelegten
PDF-Datei, erstellt vermutlich von Ito Tomio, geht es nach den Fussnoten zweifelsohne über die
Schlurfs. Ich habe Ito Tomio vor einiger Zeit meine
Diplomarbeit geschickt, fein, dass die
Schlurfs nun auch in Japan bekannt werden.
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Swings - Do, 23. Mär. 2006, 09:09
Aufmacher der heutigen
Jungle World sind die Proteste in Frankreich, gebracht werden u.a. ein weiterer Artikel von
Bernhard Schmid, eine
Analyse der
aufrührerischen Dynamik sowie ein recht optimistisches
Interview mit einem Aktivisten der
Koordination der Intermittents und Prekären.
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Politik - Mi, 22. Mär. 2006, 09:48
Ist mir bislang entgangen:
Benjaminiana, ein Weblog zu Walter Benjamin, leider ohne RSS-Feed. [via
Random Items]
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Theorie - Di, 21. Mär. 2006, 09:42
Schon faszinierend, wie deutschsprachige Medien angesichts der französischen
Massenproteste gegen die Lockerung des Kündigungsschutzes hemmungslos neoliberale Ideologie verbreiten; ganz gleich, ob es sich um den
Standard (vgl. auch diese tendenziösen
FAQs) oder den
Spiegel handelt: Alle singen sie das abgedroschene Lied von der Reformunfähigkeit und den
Illusionen eines in sich geschützten Sozialmodells. Als ob sie noch glaubten, dass niemand begriffen hätte, dass im neoliberalen Newspeek
Reform nur ein Synonym für die Kassierung der Errungenschaften der Arbeiterbewegung ist. Ob dies alles nur ein Rückzugsgefecht eines Neoliberalismus ist, der seit dem grandiosen Scheitern der EU-Verfassungsreferenden letztes Frühjahr in die Defensive geraten ist? Schön wär's, doch Skepsis ist angebracht.
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Politik - Mo, 20. Mär. 2006, 09:35
Ein spannendes Experiment: Begleitend zur am Wiener Geschichte-Institut von Wolfgang Schmale abgehaltenen Lehrveranstaltung
Informatik und Medien in den Geschichtswissenschaften haben einige Studierende nun Weblogs eingerichtet, die sich mit den Möglichkeiten beschäftigen, die das Medium Internet für die Geschichtswissenschaften bietet. Verlinkt sind diese von Martin Gasteiners zur Vorlesung eingerichtetem
Weblog.
Ich glaube ja, dass es in Zukunft allgemein üblich sein wird, anstelle von teils sinnlosen Prüfungen von Studierenden zu verlangen, dass sie in regelmäßig geposteten Weblog-Einträgen sich eigenständig mit den Lehrveranstaltungsinhalten auseinandersetzen. Dies entspricht im übrigen auch dem immer wieder konstatierten Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft: Die Prüfung - analysiert in Foucaults
Überwachen und Strafen (S.238ff) - ist charakteristisch für die Disziplinargesellschaft, während es in der Kontrollgesellschaft mehr darum geht, Leistungen kontinuierlich beurteilen bzw. begleiten zu können.
Deleuze, Gilles: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, in: Ders.: Unterhandlungen. 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp es 1778, 1993, S. 254–262.
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Blogosphaere - Mo, 20. Mär. 2006, 09:33

Wien 4, Wiedner Hauptstraße 1
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Fotos - So, 19. Mär. 2006, 12:45
Claudia Jarzebowskis Dissertation ist nun bei den
L'Homme-Schriften herausgekommen; der Ankündigungstext lautet wie folgt:
Im Mittelpunkt des Buches stehen mehrere hundert Inzestverfahren, die in Preußen im 18. Jahrhundert geführt wurden. Dabei gelingt es der Autorin, die »offenen Grenzen« zwischen legitimer Verwandtschaft und illegitimer Sexualität aufzuzeigen. Ihr Buch macht die Ambivalenzen frühneuzeitlicher Beziehungen etwa zwischen physischer und struktureller Gewalt, oder zwischen emotionalen und materiellen Interessen sichtbar. Dabei werden die Verwandtschaftsverhältnisse immer auch als Beziehungen zwischen Ungleichen konturiert, was fraglos bei der Analyse sexueller Gewalt, die sich gegen Kinder richtet, besonders hervortritt. Das Buch verändert den historischen Blick auf Verwandtschaft und Sexualität, Gewalt und Emotionalität und wird Auswirkungen haben auf eine neue Geschichte der Kindheit.
Jarzebowski, Claudia: Inzest. Verwandtschaft und Sexualität im 18. Jahrhundert. (=L'HOMME Schriften; 12). Wien/Köln/Weimar: Böhlau, 2006.
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HistorikerInnen - Sa, 18. Mär. 2006, 11:04
Scheint ja ganz gut geworden zu sein, die Mozart-Ausstellung in der Wiener Albertina, zumindest ist der
Standard durchaus angetan, in ähnlichem Tenor wird der Kurator
Herbert Lachmayer als Kopf des Tages porträtiert (vgl. auch dieses
Interview von Ulrich Weinzierl in der Welt). Weniger begeistert ist die
Presse, ihr ist alles zuviel und zu konfus. Tja lieber Norbert Mayer, Geschichte ist nun mal so komplex wie das Leben, wer's einfacher haben möchte, sollte lieber gar nicht anfangen, sich damit zu beschäftigen.
Ich bin jedenfalls gespannt darauf, mir dann im April, wenn ich kurz in Wien bin, das ganze anzuschauen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog und ein nicht weniger als 900 Seiten umfassender Essayband, in dem sich auch ein Beitrag von mir befindet, der sich u.a. mit Mozarts Hausnummern und weiters mit der Hausnummer eines Hermaphroditen beschäftigt. Einen Vorgeschmack darauf habe ich letzen November
hier im Adresscomptoir veröffentlicht.
Fein: Nach der ersten mir bekannten Rezension auf
geschichte-tirol.com erschien nun in der aktuellen Ausgabe der
Sehepunkte eine weitere, von Andrea Pühringer verfasste Besprechung der von Michael Hochedlinger und mir herausgegebenen
Quellenedition.
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Socialpolitik - Do, 16. Mär. 2006, 09:24
... fragt der emeritierte Soziologieprofessor Klaus Meschkat in
Le Monde Diplomatique und liefert gleichzeitig einen von kritischen Anklängen nicht freien Einblick in die aktuellen Vorgänge in Venezuela. Die Langfassung (Print) erschien in der Nr. 29/2005 des
Jahrbuch Lateinamerika.
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Politik - Mi, 15. Mär. 2006, 09:18