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Freitag, 6. Januar 2006

Ivo Andric: Widerstand gegen die Hausnummerierung in Bosnien

Noch im 19. Jahrhundert ist es keineswegs selbstverständlich, dass in Europa die Häuser nummeriert sind. Vor allem in Gegenden an der Peripherie kann die Einführung der Hausnummerierung für die Behörden sehr mühsam sein. So schildert Ivo Andric in seinem Roman Die Brücke über die Drina, wie im bosnischen Trawnik um circa 1850 bereits unter türkischer Herrschaft versucht wird, die Hausnummern einzuführen: Es mag einige dreißig Jahre her sein, wenn nicht mehr, da war in Trawnik der Wesir Tahirpascha aus Stambul. Das war ein Neutürke, aber unaufrichtig und ein Heuchler, in seiner Seele war er Ungläubiger geblieben, wie er es vorher gewesen. (...). Also, dieser Tahirpascha begann als erster, die Häuser in Trawnik zu zählen und an jedem eine Tafel mit einer Hausnummer anzubringen. (Daher nannten sie ihn auch Tachtar, den »Täfler«.) Aber das Volk erhob sich, sammelte all diese Tafeln von den Häusern ein, trug sie auf einen Platz und verbrannte sie. Beinahe hätte es darum sogar Blutvergießen gegeben. Aber zum Glück hörte man in Stambul davon und berief ihn aus Bosnien ab. Möge sich seine Spur verwischen!
Nicht viel erfolgreicher ist die habsburgische Kolonialmacht: Sie beginnt schon im ersten Jahr der Okkupation Bosniens - also 1878 - mit der Durchführung der Volkszählung und Hausnummerierung; laut Darstellung Andrics weiss die Bevölkerung nur zu genau, dass damit die Aushebung der Menschen zu Zwangsarbeit oder Militärdienst vorbereitet werden soll, weswegen der geistliche Würdenträger Alihodscha Mutewelitsch zu folgenden Vorschlag kommt: Wenn ihr mich aber fragt, was wir tun sollen: Ich denke, einen offenen Aufstand zu machen, sind wir nicht fähig. Das sieht auch Gott, und die Menschen wissen es. Aber wir brauchen auch nicht in allem zu gehorchen, was man uns befiehlt. Niemand braucht sich ihre Hausnummern zu merken oder zu sagen, wie alt er ist, mögen sie selbst erraten, wann wer geboren ist. Wenn sie aber zu weit gehen und an die Familie und an das, was unsere Eh{r}e betrifft, rühren, verweigern wir es, und dann mag geschehen, was uns von Gott bestimmt ist. Andric fährt fort: Noch lange sprachen sie über diese unbequemen Maßnahmen der Obrigkeit, aber im wesentlichen blieb es bei dem, was Alihodscha gesagt: beim passiven Widerstand. Die Leute verbargen ihre Jahre oder machten falsche Angaben und entschuldigten sich damit, daß sie nicht lesen und schreiben könnten. Nach den Frauen durfte niemand auch nur fragen, denn das hätten sie als schwerste Beleidigung angesehen. Die Tafeln mit den Hausnummern befestigten sie allen Anweisungen und Drohungen der Behörden zum Trotz an unsichtbarer Stelle oder auf dem Kopfe stehend. Oder sie kalkten sofort ihr Haus und überstrichen dabei, wie zufällig, auch die Hausnummer. [Absatz] Da sie sahen, daß der Widerstand tief und aufrichtig, wenn auch versteckt war, schauten die Behörden durch die Finger und vermieden eine strenge Anwendung der Gesetze mit allen Folgen und Zusammenstößen, die sich daraus unweigerlich ergeben hätten.

Andric, Ivo: Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik. Frankfurt am Main: Fischer 438, 1966, S.152.
Zur Betrachtung der Habsburgermonarchie aus Perspektive der Postcolonial Studies: Prutsch, Ursula: Habsburg postcolonial, in: Feichtinger, Johannes/Prutsch, Ursula/Csáky, Moritz (Hg.): Habsburg postcolonial. Machtstrukturen und kollektives Gedächtnis. Innsbruck u.a.: Studienverlag, 2003, S. 33-43 (S.36 sowie 43, Anm.17 zu Andric und zur Hausnummerierung). [Volltext (PDF)]