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Donnerstag, 9. Oktober 2008

Vor Google-Symposion: Einleitende Worte

In diesen Minuten beginnt das Vor Google-Symposion, hier mein Redebeitrag zur Einleitung:

Das Thema unseres Symposions braucht vermutlich keine lange Rechtfertigung, ist doch der aktuelle Bezug reichlich evident: Die Verwendung von Suchmaschinen – und das heißt in erster Linie von Google – gehört seit bald 10, 15 Jahren in einem solchen Ausmaß zu unserem Alltag, ist so selbstverständlich geworden, dass es nur zu nahe liegt, nach dem zu fragen, was man als „Vorgeschichte“ von Suchmaschinen bezeichnen könnte.
Kurz nur dazu, wie es zu diesem Symposion gekommen ist: Von meiner Perspektive aus reichen die Anfänge zurück ins Studienjahr 2004/2005, als ich Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften nur wenige hundert Meter entfernt von hier war, und wo ich sehr privilegiert Zeit dazu hatte, mir ein neues Forschungsthema zu überlegen; ich bin damals auf die frühneuzeitlichen Adressbüros gestoßen, Informationsvermittlungseinrichtungen, die mir recht schnell als eine Art vormodernes Google vorkamen, und mit denen ich mich mittlerweile im Rahmen eines FWF-Projekts beschäftige. Zu einem dieser Adressbüros, nämlich dem Grazer, werden wir auch einen eigenen Vortrag hören. Thomas Brandstetter hat sich dann recht bald an diesem Thema interessiert gezeigt, und ich habe ihn vor 1 ½ Jahren darauf angesprochen, ob er sich nicht vorstellen könnte, gemeinsam einen Workshop dazu zu organisieren. Es war dann seine Idee, das ganze organisatorisch am IWK zu verankern, wo sich Thomas Hübel sehr für unser Konzept eingesetzt hat, und schließlich konnten wir dann im Frühjahr dieses Jahrs die Wienbibliothek als Mitveranstalterin gewinnen, womit aus unserem kleinen Workshop dieses Symposion geworden ist, dem Sie nun beiwohnen.
Die Vortragenden haben wir auf Grundlage eines Call for Papers eingeladen; woran es liegt, dass sich mit diesem Thema mehr Männer als Frauen zu beschäftigen scheinen, bedarf wohl wissenschaftssoziologischer Untersuchungen. Immerhin ist es uns aber gelungen, chronologisch und geographisch doch recht weite Zeiträume und Bereiche abzudecken, die Vorträge behandeln biblische Zeiten, die frühe Neuzeit, die Moderne bis hin ins 20. Jahrhundert, und geographisch decken wir zumindest Europa und die USA ab.
Zum im Titel des Symposions verdichteten Konzept der Veranstaltung möchte ich nur zu einem Punkt ein paar Worte verlieren: Wir wissen nur zu gut, dass einer der Mitbegründer der französischen Schule der Geschichtsschreibung der Annales, Lucien Febvre, die Behauptung aufgestellt hat, dass es für Historikerinnen und Historiker eine „Sünde der Sünden“ gäbe, eine unverzeihliche, eine nicht wiedergutzumachende „Sünde“, die es unbedingt zu vermeiden gälte: Nämlich den Anachronismus.(1) Nun, wenn wir von „Suchmaschinen im analogen Zeitalter“ sprechen, dann ist uns nur zu bewußt, dass wir damit einen Begriff nehmen – den der Suchmaschine –, der unzweifelhaft erst aus dem Ende des 20. Jahrhunderts stammt, und ihn in eine Epoche stellen, der er nicht angehört, wobei ich die Probleme, die der Begriff des „analogen Zeitalters“ stellt, hier gar nicht anschneiden möchte. Ginge es also nach Febvre, machen wir uns des Anachronismus schuldig. Wir machen das aber nur zu gerne und mit Vergnügen, zum einen, weil wir uns von solch einem – wie es ein Kollege, Marian Füssel, genannt hat – „produktiven Anachronismus“ (2) Erkenntnis erhoffen, zum anderen, weil wir uns auf den französischen Philosophen Jacques Rancière berufen, der Lucien Febvres Verdikt des Anachronismus vor etwas mehr als 10 Jahren einer Analyse unterzogen hat; Rancières Fazit lautete damals: Das Konzept des Anachronismus selbst ist antihistorisch, denn Geschichte gibt es eben deshalb, weil es Menschen und deren Werkzeuge gibt, die nicht im Einklang mit ihrer Zeit stehen, die im Bruch zu ihrer Zeit agieren;(3) Geschichte gibt es nur, solange der Mensch ein Wesen ist, das mit sich selbst nicht zeitgenössisch ist.
Nun, vielleicht sind das zu hochgegriffene, für die Rechtfertigung unseres Symposions auch gar nicht nötige Überlegungen, die Sie auch nicht davon abhalten sollen, aus dem Zuhören in den nächsten 1 ½ Tagen Erkenntnis und Vergnügen gleichermaßen zu schöpfen. Ohnehin gilt wohl, dass die Erforschung des hier ausgebreiteten Forschungsgebiets ganz am Anfang steht, so dass noch viel mehr Fragen offen als Antworten zu erwarten sind; einige Versuche, dieses Gebiet zu vermessen, oder, vielleicht etwas martialisch formuliert, Schneisen in dieses Gebiet für weitere zukünftige Forschungen zu schlagen, werden Sie zu hören bekommen.
Mir bleibt jetzt nur noch, den Ball an Thomas Brandstetter weiterzuspielen, der den heutigen Eröffnungsvortragenden einleiten wird. Vielen Dank.

(1) Lucien Febvre zit. nach Rancière, Jacques: Le concept d’anachronisme et la vérité de l’historien, in: L’inactuel, Nr.6, 1996, S. 53–69, hier 53.
(2) Füssel, Marian: Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft. Neue Forschungen zur Kultur des Wissens in der Frühen Neuzeit, in: Zeitschrift für Historische Forschung, 34.2007, S. 273–289, hier 278, vgl. auch 289.
(3) Rancière, S. 66; vgl. auch Arlette Farges Rezension von Rancières Die Namen der Geschichte: Farge, Arlette: L’histoire comme avènement, in: Critique, Juin-Juillet 1997, N° 601-602, S. 461–466, v.a. 465.

Präsentation des Hausnummern-Büchleins im Literaturbuffet Lhotzky, 17.10, 19:30

Freitag in einer Woche, 17.10.2008 findet um 19:30 (pünktlich) im feinen Literaturbuffet Lhotzky (1020 Wien, Eingang Rotensterngasse 2/Ecke Taborstraße 28, U2 Station Taborstraße) eine Präsentation meines Hausnummernbüchleins statt, vielleicht auch mit Musikbegleitung. Wenn mit dem Beamer alles klappt, wird es auch ein paar Konskriptionsnummern aus dem 2. und 20. Bezirk zu sehen geben.

Tantner, Anton: Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung. Marburg: Jonas Verlag, 2007.