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Samstag, 4. Oktober 2008

Militär und Revolution, Portugal 1976

Paßt zu meinen Erkundungen des militärischen Wohlfahrtsstaats: Eine im ND abgedruckte Passage aus einem Interview mit Robert Menasse:

Zeuge einer Revolution zu sein, muss nicht unbedingt und automatisch zu jenem Grunderlebnis werden, das etwa die künstlerischen Impulse prägt. Wir haben ja eine Revolution erlebt! Etwa 1976 die in Portugal. Sie verwirrte uns natürlich, denn in den linken Theorien war nicht vorgesehen, dass eine Revolution vom Militär ausgeht. Was uns auch aufstörte, war die Tatsache, wie komisch eine Revolution sein kann. Die revolutionären Militärs sagten, das faschistische System habe Analphabeten produziert, die dürften ab jetzt nicht mehr ausgeschlossen werden vom demokratischen Prozess. Es gab dazu diese schöne Geschichte von einem Park in Lissabon, wo während der gesamten faschistischen Zeit das Schild angebracht war: »Betreten des Rasens verboten!« Nach der Revolution wurde das Verbot durch ein wahnwitzig gut gemeintes, aber sinnloses Zusatzschild ergänzt: »Die sehr geehrten Damen und Herren Analphabeten wenden sich bitte an den Parkwächter. Er wird Ihnen das Schild vorlesen.« Davon besitze ich noch ein Foto. Wir lachten zunächst ungern, weil der Witz unserem schönen Pathos im Wege stand.

Silologie

In der ländlichen Einöde sind sie eine Augenweide, solange sie nicht durch aufgemalte Trachtenpärchen verschandelt werden: Silos. Schön, dass das Presse-Spectrum heute einen Text von Lydia Mischkulnig zur Erotik der Silos veröffentlicht.

Vor etlichen Jahren übrigens hat schon Erwin Riess eine Eloge auf Silos verfasst:

Der Silo ist der verfestigte Kern der Landschaft, er ist das Substrat menschlicher Kraft, in ihm manifestieren sich überschießende Leidenschaft und ruhende Stärke, er ist sowohl Zeugnis des Reichtums, Beton gewordene Arbeit, als auch Mahnmal des Widerstands gegen die steinerne Lüge, die Kirchtürme, und fungiert daher als ideelle Währung des Landes. Ein Land ohne Silos ist ein Land des Niedergangs, eine bauliche und geistige Ödnis. (...) Ich fasse zusammen: Dem Silo kommt somit höchste aufklärerische Strahlkraft zu. In rückständigen Landstrichen, die vom Katholizismus so verheert wurden, daß selbst die Türken sich nicht halten vermochten, ist es der Silo, der als einziger die Fahne der Aufklärung hochhält; für alle sichtbar, wetteifert er mit den Minaretten des Stumpfsinns: den Kirchtürmen. Nicht ohne Grund läuft der Vatikan seit langem gegen das Silo Sturm. In der päpstlichen Enzyklika 'Silo diabolo' (Über die Teufelstürme) wurde schon in den zwanziger Jahren das Programm der Siloschleifung verkündet. Die zweite, gewaltsame Rekatholisierung ist längst im Gang. Und wir sind ihre Zeugen.

Riess, Erwin: Her Groll erfährt die Welt. Im Rollstuhl durch gelähmte Zeiten. Berlin: Elefanten Press, 1996, S.67.