Nächste Woche findet am Wiener IFK die Tagung
"No Guarantees" - Innovative kulturwissenschaftliche Forschung unter unsicheren Bedingungen statt; das Extra der Wiener Zeitung bringt quasi als Begleitprogramm zwei Artikel zur durchaus prekären Lage der Forschung in Österreich: Zum einen ein Beitrag von
Karl Acham zur Situation junger Wissenschafter angesichts eines Dienstrechts, das fast nur mehr befristete Verträge kennt, zum anderen ein Text von
Anton Holzer, der zwei niederösterreichische Orte - Marienthal und Gugging - als Chiffren für zwei unterschiedliche Modelle von Wissenschaft nimmt.
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Wissenschaft - Sa, 22. Apr. 2006, 18:32
Süß, dass es so was noch gibt: Ein Giles Auty gibt in
The Australian dem australischen Premierminister Howard recht, der die Lehrpläne von einem angeblichen
postmodernen, schädlichen Einfluß geradezu verseucht sieht. Schlimmer noch: An all diesem postmodern-marxistischen Kram ist ein Franzose schuld:
The originator of these ideas was a French Marxist historian/philosopher who died 22 years ago and whose entire life was consumed by a corrosive hatred of the kind of conventional, middle-class, "bourgeois" values that tend to obtain in modern Western democracies such as Australia.
The man in question was Michel Foucault. Was this paragon truly the possessor of an exceptional, visionary and supremely balanced mind whose theories of life and society should be accepted by the rest of us - including parents of hundreds of thousands of children now attending Australian schools - without question?
When not exercising his supposedly superior vision of the true nature of bourgeois Western societies, Foucault was a promiscuous masochist whose areas of interest were in torture, drug-use and totally anonymous sex. His spiritual hero was the Marquis de Sade.
Wow, das ganze ist so schwachsinnig, dass es fast von Hans Ulrich "postmoderner Rattenfänger" Wehler stammen könnte; schön jedenfalls, dass Foucault immer noch so sehr die Gemüter erregen kann. [via
Foucault-L]
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Theorie - Fr, 21. Apr. 2006, 17:30
Das nenne ich lebensnahe Forschung: Im Zuge der Anti-CPE-Proteste wurde in Paris auch ein Gebäude der
EHESS besetzt, von einer Gruppe Jugendlicher, mit denen auch die wohlgesinnten EHESS-ForscherInnen den Dialog nicht aufrecht erhalten konnten. Bevor das Gebäude geräumt wurde, wurde etliches zerstört (Fotos davon auf
Flickr) und die Wände zuhauf mit mehr oder weniger politischen Graffitis bemalt. Béatrice Fraenkel, Directrice d'études an der EHESS und Leiterin des Seminars
Anthropologie der Schrift untersucht nun mit einem Team diese Graffitis, bevor sie übermalt werden; der
Freitag berichtet heute darüber, vor ihm brachte schon die
Financial Times die Geschichte.
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Politik - Fr, 21. Apr. 2006, 17:28
Politique 2.0 heisst ein Dossier des Portals
politik-digital.de, das sich mit der Internetnutzung anlässlich der kommenden französischen Präsidentschaftswahlen beschäftigt; mit dabei: Ein
Interview mit Klaus Schönberger, der die unterschiedliche Rolle von Weblogs in Deutschland und Frankreich analysiert. Ein vorläufiges, von der Interviewerin gezogenes Fazit:
Mehr Wikipedianer hier, mehr Weblogger dort. [via
Kulturwissenschaftliche Technikforschung]
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Blogosphaere - Mi, 19. Apr. 2006, 07:59
Sehr erfreulich: Die aktuelle, von Philipp Sarasin herausgegebene Ausgabe der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften mit dem Thema "Fremdkörper". Behandelt werden u.a. Konzeptionen von Geschwülsten im 19. Jahrhundert sowie von "jüdischem Blut" 1918-1933, die Geschichte der Debatte um Schwangerschaftsabbruch in Israel, und das Auftauchen von Infektion in Foucaults Texten. Interessant auch ein Beitrag von Daniel Weiss über
Ungeziefer, Aas und Müll. Feindbilder der Sowjetpropaganda (109-122). Schade nur, dass er in schlechter totalitarismustheoretischer Tradition einen Vergleich nur zu nationalsozialistischen Blutsaugermetaphern zieht und es S.119f nur andeutet, dass auch andere Vergleiche möglich wären, z.B. zu Metaphern, die in repräsentativ-demokratischen Staaten verwendet werden. Als Beispiel sei ein im August 1945 in der von ÖVP, SPÖ und KPÖ gemeinsam herausgegebenen Tageszeitung
Neues Österreich veröffentlichter Artikel genannt, in dem gegen die
Schlurfs gehetzt wurde:
Den österreichischen Lebensbaum beginnt dichtes Unkraut zu umwuchern und saugt ihm wertvolle Säfte ab. (...) Die verantwortlichen Stellen unseres Staates sind daher nicht gewillt, diese Sumpfgewächse der Nachkriegszeit weiterhin ungehemmt wuchern zu lassen. Es gibt Mittel und Wege, das gesamte Unkraut radikal auszurotten. Davon werden sich die Schlurfs in Kürze überzeugen können. (Heinz, Karl Hans: Der Schlurf, in: Neues Österreich, 1.8.1945, S.1; zitiert in meiner
Diplomarbeit [PDF], S.68). Ebenfalls ein Analysekandidat: Der französische Innenminister mit seinen Kärcher-Phantasien.
Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 16.2005, Heft 3: Fremdkörper. Hg. von Philipp Sarasin. [
Verlags-Info]
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Socialpolitik - Di, 18. Apr. 2006, 07:36
Die Hausnummer von Max Horkheimer: Frankfurt, Westendstraße 79
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Fotos - Mo, 17. Apr. 2006, 10:52
Die Presse bringt ein Interview mit Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums.
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HistorikerInnen - So, 16. Apr. 2006, 11:14

Frisch gedruckt: Ein Sammelband, der die Ergebnisse eines äußerst feinen Workshops enthält, der im Mai 2003 am
IFF in Wien stattfand. Mit dabei: Ein Artikel von mir, der sich mit der Definition von "Haus" im Rahmen der Hausnummerierung von 1770/71 beschäftigt. Denn merke: Was ein Haus ist, ist beileibe nicht selbstverständlich; Almhütten, Schiffsmühlen und Holzhackerunterkünfte werden zu regelrechten Alpträumen der Behörden.
Der Ankündigungstext des Bandes lautet wie folgt:
Die Grenzen dessen, was »normal« und was »nicht normal« sei, unterliegen ständigen Verschiebungen. Normen, Vorschriften, Gesetze, gesellschaftliche Konventionen können Sicherheit geben, ermöglichen und erleichtern das Zusammenleben. Sie erzeugen aber auch Konflikte und Probleme im Falle des Übertretens oder Nicht-Entsprechens. Soziale Praxis steht in einem Spannungsverhältnis und zugleich in vielfältiger Wechselbeziehung zur Normativität. Es geht nicht um eine starre Gegenüberstellung. Den realen Prozessen der Umsetzung von Normen wird in diesem Buch auf aktuellen wie historisch-kulturwissenschaftlichen Themenfeldern nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis:
Das nackte Leben und die fremde Hand. Zur Transformation von Normen durch die Technologisierung des Lebens (14-24)
Wilhelm Berger
Rechtsnorm und Realität. Variationen zu Fragen der Rechtsgeltung, Rechtsbefolgung und Rechtsdurchsetzung in geschlechtersensiblen Kontexten (25-38)
Elisabeth Holzleithner
»Interdisziplinierung«: Normen und Praxis im interdisziplinären Lehren und Lernen am Beispiel des Wiener Studium Integrale (39-50)
Marie Antoinette Glaser und Martin A. Schmid
»Arbeit« als Norm - Normierung durch »Arbeit«: Historische Perspektiven (51-68)
Christof Jeggle
Was ist ein Haus? Theresianisch/josephinische Gebäude-Ordnungen (69-80)
Anton Tantner
Heiratskontrakte - intermediär: als Form der Vermittlung zwischen gesetztem Recht, sozialen Normen und individuellen Interessen (81-96)
Margareth Lanzinger
Im Namen der »Ordnung, Regelmäßigkeit und Sicherheit«. Über Vorschriften für Eisenbahnbedienstete in der Mitte des 19. Jahrhunderts (97-107)
Günter Dinhobl
Die Hygienisierung der Hausfrau. Zur Popularisierung moderner Sauberkeitsnormen in der Haushaltsratgeberliteratur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts (108-120)
Susanne Breuss
Soziale Konstruktion von Krankheit und Gesundheit am Beispiel weiblichen Wahnsinns (121-136)
Sylvelyn Hähner-Rombach
Auf dem Weg zur Normalität? Zur Konzeptualisierung von Kriminalität im 19. Jahrhundert (137-156)
Peter Becker
Politische Normierung in der geschlossenen Gesellschaft. Jugend im Schatten der Mauer (DDR 1961-1974) (157-166)
Marc-Dietrich Ohse
Normen im Jugendalltag des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in Wien und Niederösterreich (167-185)
Angelika Klampfl
Das Projekt »Lido«: Jugendliche »fit machen« für Jobs (186-193)
Alexander Halpern
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge - ein Erfahrungsbericht aus der Praxis (194-199)
Claudia Altendorfer
Klampfl, Angelika/Lanzinger, Margareth (Hg.): Normativität und soziale Praxis. Gesellschaftspolitische und historische Beiträge. Wien: Turia + Kant, 2006. [
Verlagsinfo,
Amazon]
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Kontrolle - Sa, 15. Apr. 2006, 12:07
Christoph Schlingensief und seine Filme heisst eine bei
Filmgalerie 451 erschienene DVD mit frühen Filmen von Christoph Schlingensief, die zwischen 1968 {mit 7 Jahren, sic!} und 1986 gedreht wurden, mit so vielversprechenden Titeln wie
Mensch Mami, wir drehn 'nen Film oder
Schlacht der Idioten; ebenfalls auf der DVD enthalten: Ein Interview mit Schlingensief.
Screenshot Online bringt eine Besprechung.
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Film - Fr, 14. Apr. 2006, 11:08
Nett, in der NZZ (Printausgabe, 13.4.2006, S.43) gibt's heute einen Artikel über Belleville, in dem auch die Rue des Couronnes erwähnt wird, in der ich zur Zeit in Paris wohne:
Paris, gestern und heute (9)
Patchwork mit Panorama
Kosmopolitisches Dorf: Belleville
Georges Perec wurde in Belleville geboren. 1976 erinnerte sich der Schriftsteller: «Ich habe von meiner Geburt 1936 bis zum Sommer 1942 in der Rue Vilin gewohnt. Die Rue Vilin im 20. Arrondissement, zwischen der Rue des Couronnes und der Rue Piat, ist seit mehreren Jahren am Verschwinden. Eins nach dem andern wurden die Geschäfte geschlossen, die Fenster zugemauert, die Häuser abgerissen . . .» Heute existiert nur noch ein Stumpf der Strasse; ihr grösster Teil ist dem 1988 eröffneten Parc de Belleville gewichen.
Das Belvedere entlang der Rue Piat bietet einen atemraubenden Panoramablick über Paris. Auch sonst weist der Park ein ganz eigenes Profil auf. Seine Weinreben, seine riesige, an Felswände mit Grotten gemahnende Betonskulptur und die in fontänensprühende Becken schiessenden Kaskaden spielen auf die Topographie des bis 1844 vor den Stadtmauern gelegenen Faubourg an: Weinberge, Gipsbrüche und das im Viertel allgegenwärtige (Quell-)Wasser, von dem noch so mancher Strassenname kündet.
Die Rue Vilin gibt es nicht mehr - aber der Geist des alten Belleville, so mag man die Botschaft des Parks mitten in seinem Herzen deuten, lebt fort. Paradox genug: Kaum woanders in Paris sind seit 1945 so viele alte Bauten zerstört, kaum woanders so viele Hochhäuser mit Sozialwohnungen aus dem Boden gestampft worden. Aber obwohl sich alles geändert hat, ist im Grunde doch alles gleich geblieben. Massive urbanistische Eingriffe haben das Äussere von Belleville entstellt, sein Inneres jedoch - sein Wesen, sein Charakter, seine unverwechselbare Atmosphäre - ist intakt.
Dafür gibt es drei mögliche Erklärungen. Erstens schafft das ständige Auf und Ab am Hang des 128 Meter hohen Hügels mit seinem Wechsel gewundener Gässchen und linienförmiger Strassen eine Vielzahl von Perspektiven, Durchblicken und jähen Kontrasten, die den Flaneur von einer Überraschung zur nächsten geleiten. Zweitens wirkt der architektonische Bestand, so medioker er an sich auch sein mag, für das an die homogene Innenstadt des Barons Haussmann gewöhnte Auge aufregend eklektisch. Die Fassaden sind mit Holz, Keramik oder bunten Ziegeln verkleidet; wenige Schritte führen von der anonymen Wohnmaschine zur bilderbuchartigen Dorfkirche, vom windschiefen Hexenhäuschen zum Betonkubus.
Endlich mag man noch so resistent sein gegen den Multikulti-Hype, das Völkergemisch von Belleville berauscht einen doch jedes Mal aufs Neue. Die Frauen tragen Kleider in allen Farben und Formen, die Stimmen der Kinder hallen in den Ohren nach. Das Gewimmel von «Arabern und Schwarzen aller Afrikas, Armeniern und Juden aller Irrfahrten, Chinesen der zahllosen Chinas, Griechen, Türken, Serben und Kroaten des sehr geeinten Europas, Jungen und Alten, Männern und Frauen, Juden, Christen und Muslims, Hunden und Tauben», so Daniel Pennac in «Monsieur Malaussène», hat Bücher zuhauf gezeitigt. Doch letztlich entzieht sich das Viertel jeder Beschreibung. Quecksilbrig und wechselhaft, ist Belleville weder zu fassen noch zu fixieren.
Marc Zitzmann
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- Do, 13. Apr. 2006, 09:22
Hier ein Vorabdruck aus
Eine kurze Geschichte der Demokratie von Luciano Canfora, dessen Buch u.a. auf Grund eines skandalösen Gutachtens von Hans Ulrich Wehler nicht bei C.H. Beck erscheinen durfte (vgl.
hier und
hier) und nunmehr Ende April bei Papyrossa herauskommt. Ebenfalls angekündigt ist in der Reihe
Konkret-Texte ein Band mit dem Titel
Das Auge des Zeus, in dem Canfora seinen deutschen Kritikern antwortet.
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HistorikerInnen - Do, 13. Apr. 2006, 09:15