Im aktuellen
Freitag zitiert Otto Köhler aus dem Gutachten Hans Ulrich Wehlers, das dieser im Auftrag C.H. Becks gegen den italienischen Historiker Luciano Canfora verfasst hat (vgl.
hier). Schon gigantisch, was für einen Schwachsinn Wehler darin verzapft; u.a. schreibt er:
Um einen Vergleich von Sybel aufzugreifen: Er {der Nationalsozialismus} war ein Königstiger, während der italienische Faschismus ein Hauskätzchen war. Und so einer durfte jahrzehntelang die bundesdeutsche Geschichtswissenschaft beeinflussen, um nicht zu sagen terrorisieren. Ebenfalls zu dieser Angelegenheit: Georg Fülberth in der aktuellen
Konkret (1/2006, S.53); Fülberths Wunsch, Canforas Buch möge in einem linken Verlag erscheinen, geht ja, wie
berichtet, in Erfüllung.
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HistorikerInnen - Do, 5. Jan. 2006, 09:05
Trostlos ist das Karstgebirge zu Görz: Die Häuser dort sind
ler und unbewohnt, deswegen wohl, weil es an Wasser gebricht. Stundenlang muss der Landmann es herantragen, und auch die Schaffung von Zisternen ist kein ausreichendes Mittel, die Not zu lindern: Die
übergroße Hize verbrennt die
in dem steinigten Boden angebaute Feldarbeit vor der Zeit, und was die Hitze übrig lässt, richten Unwetter zu Grunde. Kein Wunder, dass
alles mit weib und kindern im land bettlen zu gehen pfleget. Ob dieses Zustands unterbreitet der Hofkriegsrat einen Vorschlag: Verdiente es nicht eine Überlegung, dieses so
elende Bauern Volkh von den Höhen des Karsts auf die aus Mangel an Bevölkerung unbearbeitet bleibenden Gründe in den Ebenen von Gradiska und Aquileja umzusiedeln? Besonders wenn die dort vorhandenen Moräste trockengelegt würden, könnten die jetzigen GebirgsbewohnerInnen
nüzlich angewendet werden und das Land wäre
von der überlast der Bettlern befreyt.
Die Görzer Landeshauptmannschaft wird ob dieses weit reichenden Vorschlags um eine Stellungnahme gebeten; sie verantwortet sich folgendermaßen: Gewiss, der Karst wäre ein steiniges Land mit wenig Äckern, doch gäbe es dort gute Wiesen und wohl bevölkerte Dörfer. Das Korn wachse durchaus, und die BewohnerInnen ernähreten sich nicht schlecht durch Viehzucht und Seidenwürmer. Außerhalb der großen Trockenperiode sei auch genügend Wasser vorhanden und was die vielen, vom Hofkriegsrat genannten leeren Häuser anbelange, so müssten dies die kleinen Hütten sein, in die sich die Viehhalter mit ihrem Vieh bei starker Hitze oder Regen flüchten. Um das Betteln zu
steüren, reiche
eine gute Polizey:Ordnung. Die Folgen einer etwaigen Umsiedlung werden mit drastischen Worten beschrieben: Die BergbewohnerInnen vom Karst
in die gradiscanische, und acquiläische sünftigte Gegenden zu überführen, sie
aus einem reinen, in eine rauche, ungesunde Luft zu übersetzen, wäre so viel, als selbe zu ihren Gräbern führen. Geradezu todbringend ist also das Umsiedlungsprojekt des Hofkriegsrats aus Sicht der Görzer Behörden, und die Hofkanzlei schließt sich ihnen an:
[W]eder räthlich, noch thunlich sei die vom Militär geplante
Transferirung des Volks; sehr wohl aber sei
das Augenmerk dahin zu richten, Verdienst und Nahrung der dortigen BewohnerInnen zu verbessern.
Österreichisches Staatsarchiv/Kriegsarchiv, Wien, Bestand Hofkriegsrat, 1770/98/683: Vortrag des Hofkriegsrats, 24.12.1770.
Österreichisches Staatsarchiv/Allgemeines Verwaltungsarchiv, Bestand Hofkanzlei, IV A 8 Innerösterreich, Kt. 499, 33 ex Mai 1771: Vortrag der Hofkanzlei, 11.5.1771, f. 160v-161r, 165r.
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Socialpolitik - Mi, 4. Jan. 2006, 09:29
Eine recht instruktive Beschreibung der Funktionsweise von Google bringt
Google's Newsletter for Librarians. [via
netbbib]
Mittlerweile gibt es übrigens zwei interessant klingende Neuerscheinungen zu Google:
Vise, David/Malseed, Mark: The Google Story. New York: Delacorte Press, 2005. [
Amazon]
Battelle, John: The Search: How Google and Its Rivals Rewrote the Rules of Business and Transformed Our Culture. New York: Portfolio, 2005. [
Amazon]

Arlette Farge halte ich für eine der interessantesten HistorikerInnen der Gegenwart; auf ihr jüngstes Buch bin ich bei
Blitztoire aufmerksam geworden, ein Weblog, das mittlerweile von
Médiévizmes abgelöst wurde. Es handelt sich dabei um Interviews, die der Komponist Jean-Christophe Marti mit Farge geführt hat und erwartungsgemäß ist es äußerst faszinierend. Farge spricht darin über ihre Ausbildung, die Zusammenarbeit mit Michel Foucault und Jacques Rancière, über Politik, Geschichtsschreibung und Wahrheit/Wahrhaftigkeit und immer wieder über die Faszination und verführende Anziehungskraft der sirenengleichen Archive. Es wäre wirklich höchst wünschenswert, dass dieser Band sowie die zahlreichen in den letzten Jahren von Arlette Farge verfassten Bücher ins Deutsche übersetzt werden.
Farge, Arlette: Quel bruit ferons-nous? Entretiens avec Jean-Christophe Marti. Paris: Les prairies ordinaires, 2005. [
Amazon.fr,
KVK]
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HistorikerInnen - Fr, 30. Dez. 2005, 13:48
Clio online stellt nun regionale Übersichten zur Geschichtswissenschaft vor, darunter einen
Online Guide durch die Geschichtswissenschaften Österreichs, erstellt von Martin Gasteiner und Christian Pape. Vorgestellt werden u.a. die Angebote der Österreichischen Nationalbibliothek, das in Innsbruck ansässige Zeitgeschichtsinformationssystem sowie das Wiener Institut für Geschichte.
Recht witzig: In der aktuellen
Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften beschreibt Mario Wimmer in einem kurzen, auf Grundlage von Akten des Wiener Universitätsarchiv verfassten Beitrag, wie an der Universität Wien 1926 die Amtstracht und anlässlich der 600-Jahrfeier 1965 kurzfristig der Professorentalar wieder eingeführt wurden; selbst
biometrische Rohdaten über die Gestalt des Wiener Professors der 1960er Jahre ließen sich ausfindig machen: 6% der Professoren (von insgesamt 156) fielen in die Gruppe I (bis 1,65 m), 57% in die Gruppe II (1,65m - 1,75m) und 37% in die Gruppe III (über 1,75 m), wobei in letzterer Gruppe ein Professor sogar 1,91 m maß.
Ebenfalls interessant in der aktuellen ÖZG: Ein Beitrag von Michael Mitterauer, der das Heftthema
Historia Magistra Vitae zum Anlass nimmt, seinen wissenschaftlichen Werdegang zu reflektieren, sowie ein Artikel von Peter Schöttler über Marc Bloch und dessen nichtgeschriebenen Text über die Prognostizierbarkeit von Geschichte.
Mitterauer, Michael: Erfahrungen von Relevanz, in: ÖZG, H.2/16.2005, S.48-63.
Schöttler, Peter: Marc Bloch, die Lehren der Geschichte und die Möglichkeit historischer Prognosen, in: ÖZG, H.2/16.2005, S.104-125.
Wimmer, Mario: Unter den Talaren. Bemerkungen zur Wiedereinführung der Amtstracht (1926) und der Einführung des Professorentalars (1965) an der Universität Wien, in: ÖZG, H.2/16.2005, S.129-138, Zitat S.136.
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HistorikerInnen - Di, 27. Dez. 2005, 08:49
Telepolis bringt nicht nur eine weitere Rezension des Krimis
Unbequeme Tote sondern auch den Hinweis auf ein Buch der belgischen Lateinamerikanistin Kristine Vanden Berghe, in dem das Agieren des Subcomandante als Übersetzungstätigkeit
zwischen der ländlichen Bevölkerung, der Regierung und den weltweit verstreuten Bühnen der Multitude analysiert wird.
Berghe, Kristine Vanden: Narrativa de la rebelión zapatista. Frankfurt am Main/Madrid: Iberoamericana, 2005.
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Politik - Mo, 26. Dez. 2005, 12:58
Einen Plan eines Zeitungsindex - quasi einen Vorläufer des Dietrich - präsentiert Dostojewskij in seinem 1871/1873 erschienenen Roman Böse Geister. Darin präsentiert die Protagonistin Lisaweta Nikolajewna dem Studenten Schatow folgendes Anliegen:
Das literarische Unternehmen sollte folgender Art sein: In Rußland erscheint, in den Metropolen und in der Provinz, eine Unzahl von Lokalzeitungen und anderen Journalen, in denen Tag für Tag über eine Unzahl von Ereignissen berichtet wird. Das Jahr verstreicht, die Blätter werden allerorts in Schränken gestapelt oder fliegen herum, werden zerrissen, als Packpapier gebraucht und zu Papiermützen gefaltet. Viele veröffentlichte Fakten machen Eindruck und bleiben im Gedächtnis des Lesers haften, entschwinden ihm aber im Laufe der Jahre. Später möchten viele Leser sich wieder informieren, aber welche Mühe kostet es dann, sich in diesem Blättermeer zurechtzufinden, häufig ohne Tag, Ort und sogar Jahr des betreffenden Ereignisses zu kennen! Würde man indessen die Fakten eines ganzen Jahres in einem Band zusammenstellen, nach bestimmtem Plan und unter bestimmten Gesichtspunkten, mit Inhaltsverzeichnis, Register, Chronologie, so könnte eine solche Synopse das russische Leben eines ganzen Jahres umfassend charakterisieren, auch wenn die veröffentlichten Fakten nur einen ganz geringen Teil des Gesamtgeschehens darstellten.
»Statt einer Unzahl von Blättern hätte man einige dicke Bände, und das wäre alles«, bemerkte Schatow.
Aber Lisaweta Nikolajewna verfocht ihren Plan mit glühendem Eifer, auch wenn es ihr nicht leicht fiel und sie Mühe hatte, sich richtig auszudrücken. Es müsse ein Band sein, sogar kein besonders dicker - meinte sie. Und selbst angenommen, es sei ein dicker, so doch ein klarer, denn alles komme auf den Gesamtplan und die Art der Darstellung an. Selbstverständlich müsse nicht alles gesammelt und nachgedruckt werden. Auf Ukasse, Regierungsmaßnahmen, Regionalverfügungen, Gesetze, alles äußerst wichtige Dinge, könne man trotzdem in dem geplanten Werk völlig verzichten. Man könne durchaus auf vieles verzichten und sich auf eine Auswahl beschränken, die mehr oder weniger das sittliche, persönliche Leben des Volkes widerspiegele, die Persönlichkeit des russischen Volkes in einem bestimmten Augenblick. Selbstverständlich könne alles aufgenommen werden: Kurioses, Feuersbrünste, Spenden, alle möglichen guten und bösen Werke, alle möglichen Aussprüche und Reden, vielleicht sogar Berichte über Hochwasser, vielleicht sogar auch bestimmte Regierungsukasse, aber immer nur in einer Auswahl, die die Epoche charakterisiere; alles solle unter einem bestimmten Gesichtspunkt gesehen werden, einen Hinweis, eine Absicht, eine das Ganze, die Gesamtheit erhellende Idee enthalten. Und schließlich müsse das Buch sogar für eine unterhaltsame Lektüre geeignet sein, von seiner Unentbehrlichkeit als Nachschlagewerk ganz abgesehen! Es solle sozusagen ein Tableau des geistigen, sittlichen, inneren russischen Lebens während eines ganzen Jahres bieten. »Es muß so sein, daß alle es kaufen. Es muß so sein, daß dieser Band zu einem Handbuch wird«, sagte Lisa zum Schluß.
Dostojewskij, Fjodor: Böse Geister. Frankfurt am Main: Fischer 14658, 2000, S. 167-169.
Spiegel Online bringt ein Interview mit Maj Sjöwall, die zwischen 1965 und 1975 gemeinsam mit Per Wahlöö die populären Krimis mit Kommissar Martin Beck verfasst hat.
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Belletristik - Sa, 24. Dez. 2005, 13:16