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Dienstag, 6. Juni 2006

Ein österreichischer Patriot

Im Kriegsjahr 1809 erregt folgender, in einer Zeitschrift namens Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat kolportierter Fall Aufsehen: Georg K., ein Schuster und vierfacher Vater aus Neustift bei Wien habe sich gleich nach Kriegsbeginn freiwillig bei einem Landwehrbataillon gemeldet, sei mit diesem auch ausgezogen, jedoch anschließend wieder nach Wien zurückgeschickt worden, um dort gemeinsam mit anderen Landwehrmännern für ein anderes Bataillon zu werben. Georg K. fürchtete nun seine gänzliche Entlassung, wurde düster, ängstlich, melancholisch, ergriff nach einer bangen Nacht [...] sein Gewehr, begab sich auf den Boden seiner Wohnung, und jagte sich eine Kugel durch den Kopf; [s]ein ganzes Gesicht, alle Knochen, alle Muskeln sind zerrissen. An die Adresse der Moralisten, die diesen Selbstmord nach ihren Ansichten richten würden, richtet der anonyme Schreiber seine eigene Moral, die nämlich, dass selbst Menschen aus den untern Volksklassen (...) hohe Begriffe (...) von der Ehre haben, zu dem schönen und großen Bunde der Vaterlandsvertheidiger zu gehören. Der Titel der Artikelserie, in der dieser Selbstmord Erwähnung findet, lautet: Charakterzüge österreichischer Patrioten; Fazit der kolportierten Geschichte: Österreichischer Patriot ist, wer sich eine Kugel in den Kopf schießt.

Charakterzüge österreichischer Patrioten. (Aus der Periode der Errichtung der Landwehre und ihres Ausmarsches), in: Vaterländische Blätter, 14./17. März 1809, S. 137 f.

Siehe auch: Aspalter, Christian/Tantner, Anton: Ironieverlust und verleugnete Rezeption: Kontroversen um Romantik in Wiener Zeitschriften, in: Aspalter, Christian / Müller-Funk, Wolfgang / Saurer, Edith / Schmidt-Dengler, Wendelin / Tantner, Anton (Hg.): Paradoxien der Romantik. Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft in Wien im frühen 19. Jahrhundert. Wien: Wiener Universitätsverlag, 2006, S. 47–120.