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Präventive Archäologie muss ich mir merken.
goncourt - 2016/12/28 18:36

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Januar 2008
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Zuletzt aktualisiert: 2017/09/10 19:59

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Rezension von Michael Pammer im Historicum

In der aktuellen, soeben verschickten Ausgabe der Zeitschrift Historicum (Herbst 2006 [sic!], S.34-36) rezensiert der gestrenge Michael Pammer die von Michael Hochedlinger und mir herausgegebene Quellenedition sowie mein Buch Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen. Pammers Urteil ist in beiden Fällen positiv, die Edition hält er für gründlich und benutzerfreundlich, mein Buch für nicht nur kenntnisreich, sondern auch oft recht unterhaltsam; er findet dafür die abschließende Einschätzung: Insgesamt ein lesenswerter Band.

Der Rezensent hat auch ein paar kleinere Kritikpunkte und Anregungen, auf die ich gerne eingehen möchte, ist doch ein Weblog gerade dafür wie geschaffen:
  • Was meine Behandlung des Widerstands gegen die Seelenkonskription betrifft, so hält Pammer Überschriften wie »Widerstand« und »Renitente Adlige und maulende Mönche« für etwas missverständlich, da sie mehr erwarten lassen, als dann herauskommt. Allerdings, gerade wenn man die Reaktionen auf die erbländische Seelenkonskription mit denen im folgenden Jahrzehnt in Ungarn vergleicht, waren diese verhältnismäßig moderat. Was mich aber frappiert hat, war, wie sensibel die Behörden auf mögliche Widerstände eingestellt waren, ja geradezu damit rechneten. Die Befürchtungen waren doch recht groß, und so auch die - zeitgenössischen - Erwartungen, die ganze Aktion könnte vollkommen scheitern.
  • Wie kann man die Wichtigkeit und die Auswirkungen einer Maßnahme wie der Hausnummerierung einschätzen? Pammer schreibt: An sich wichtig war sicher die Einhebung von Abgaben und Steuern; ob sie durch die Numerierung der Häuser erleichtert wurde, könnte man durch einen Vergleich der Steuereinnahmen und der Einhebungskosten vor und nach der Hausnumerierung prüfen (eine über die üblichen Schwankungen hinausgehende Änderung wäre allerdings eine Überraschung). - Nun, das ist doch eine gute Anregung für die künftige Forschung! Der Rezensent weiter: Billiger wurde wahrscheinlich die Postzustellung, aber das wurde erst später relevant. - Hier ist ja interessant, dass kurz nach der Hausnummerierung in Wien die Stadtpost, die so genannte Kleine Post eingerichtet wurde; in zeitgenössischen Briefen (wie ich am Beispiel Mozarts [PDF] gezeigt habe) wurden die Hausnummern schon bald verwendet, wobei dies sicher noch eingehender untersucht werden könnte.
  • Pammer beurteilt die Arbeit auch aus der Perspektive eines Wirtschaftshistorikers: Daß die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Maßnahmen in dieser Untersuchung praktisch nicht behandelt werden und auch eine Erörterung unterbleibt, wie man zu einer brauchbaren Abschätzung gelangen könnte, ist bedauerlich. Immerhin gehören die wirtschaftlichen Ergebnisse institutioneller Neuerungen zu den wichtigsten und anregendsten Themen der historischen Forschung. - Auch dies reiche ich doch gerne an die künftige Forschung weiter!
  • Kulturwissenschaftliche Zugänge, die auch sensibel für die Sprache der untersuchten Dokumente sind, scheinen nicht ganz auf die Gegenliebe des Rezensenten zu stoßen: Wie erwähnt, hat der Band durchaus einen Unterhaltungswert, jedenfalls dann, wenn man bereit ist, die eine oder andere irrelevante Anekdote zu akzeptieren, und den betont an der Quelle orientierten Stil goutiert. Manche Teile sind eher literarisch interessant, zum Beispiel ein längerer Abschnitt unter dem Titel »Vermischungen«, in dem der Autor auf verschiedene Zusammenhänge eingeht, in denen der Begriff auftaucht: (...) Ein vermischtes Kapitel also, und die Behörden des 18. Jahrhunderts hatten ganz recht, wenn ihnen so etwas mißfiel. - Die Bewertung literarisch interessant kann ich ja als Kompliment nehmen! Was die Relevanz für die Beschäftigung mit dem 18. Jahrhundert anbelangt, würde ich allerdings darauf beharren, dass das Ringen um Ordnung und Klassifikation bei gleichzeitigem Kampf gegen Vermischung ein charakteristisches Merkmal der Behörden (sicher nicht nur, aber besonders auffallend) des klassischen Zeitalters ist, das durchaus erforscht gehört.
  • Pammer hätte gerne eine Gesamtübersicht über alle verfügbaren Zahlen der fünfziger bis siebziger Jahre, d.h. der zeitgenössischen Volkszählungsergebnisse abgedruckt gehabt. Ich habe darauf bewusst verzichtet, zum einen, weil meine Fragestellungen eher auf das Zustandekommen der Ergebnisse gerichtet waren und nicht darauf, diese auszuwerten, zum anderen, da die meisten erhaltenen Tabellen in der einschlägigen Literatur (u.a. Gürtler und Grossmann) ohnehin schon abgedruckt sind und ich nur jene Ergebnisse veröffentlicht habe, die ich bislang in der Literatur nicht finden konnte und die für mich relevant erschienen. Aber es stimmt sicher, dass es von Vorteil wäre, eine Aufstellung der unterschiedlichen Ergebnisse leicht verfügbar zu haben. Vielleicht findet sich ja jemand, der in naher Zukunft diese im Internet veröffentlicht (was im Übrigen die Existenz einer geeigneten Publikationsplattform dafür voraussetzt; vielleicht tut sich da ja mal was!); in manchen Fällen (insbesondere für die Männer in manchen steirischen Kreisen) sind in den Akten recht detaillierte Tabellen vorhanden, die für die weitere Forschung recht interessant sein könnten. Was allerdings die Verwendung dieser Ergebnisse durch die heutige historische Forschung betrifft, so wäre ich eher skeptisch, würden diese für aktuelle historisch-demographische Fragestellungen herangezogen werden, erscheinen sie mir doch dafür aus vielen im Buch angeführten Gründen zu ungenau. Sehr wohl geben diese Ergebnisse aber Aufschluss darüber, auf welchen Grundlagen die damalige Verwaltung zu ihren Entscheidungen kam, und das macht eine Publikation selbstredend immer noch wichtig genug.
  • Nur, um nicht fälschlich eine Autorenschaft zugeschrieben zu bekommen, die nicht die meine ist: Das Zitat in Pammers Rezension aus der Quellenedition (S. LXIII) stammt - wie aus deren Inhaltsverzeichnis hervorgeht - nicht von mir, sondern von Michael Hochedlinger.
Nicht unlustig - wenn auch für den Betroffenen sicherlich schmerzhaft - finde ich übrigens, dass das Erscheinen der Rezension eventuell einem abgerissenen Zehennagel geschuldet ist. Sie wollen wissen, warum? Lesen Sie das Editorial!