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Sonntag, 17. September 2006

Balzac und die Hausnummern

Walter Benjamin zitiert in seinem Passagenwerk (Gesammelte Schriften Bd.V, S.297) eine Hausnummernstelle aus Balzacs Modeste Mignon. Dort weist der Romancier darauf hin, dass in der modernen Zivilisation mit ihrem Arsenal an Kontrolltechniken kaum mehr Platz für Anonymität ist; alles wird gezählt, gemessen, gestempelt, so dass auch die unbekannte Briefschreiberin Gefahr läuft, erkannt zu werden:

Versucht es nur, unbekannt zu bleiben, ihr armen Frauen Frankreichs, den kleinsten Roman anzuspinnen inmitten einer Zivilisation, welche auf den Märkten die Stunde der Abfahrt und der Ankunft der Kutschen anschlägt, die Briefe zählt, sie doppelt stempelt im gleichen Augenblick, da sie in den Kasten geworfen und wenn sie ausgestragen werden, welche die Häuser mit Nummern versieht, in den Steuerregistern die Wohnungen verzeichnet und bald ihr ganzes Gebiet in seinen letzten Parzellen, mit seinen kleinsten Strichen, auf den weiten Blättern des Katasters – ein Riesenwerk von einem Riesen gelenkt – beherrschen wird! Versucht es, unkluge Mädchen, euch nicht dem Auge der Polizei, sondern dem beständigen Geklatsche zu entziehen, das im entlegensten Flecken die belanglosesten Handlungen untersucht, die Dessertplatten bei dem Präfekten zählt und die Melonenscheiben sieht, die dem kleinen Rentner ins Haus gebracht werden, das den Klang des Goldes in dem Augenblick hören möchte, wo es die sparsame Hand dem Schatze beifügt, und jeden Abend am Ofenwinkel die Vermögen des Kantons, der Stadt, des Departements zählt!

Balzac, Honoré de: Modeste Mignon. Hamburg: Rowohlt, 1953, S. 100f.