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Kommentare

Klingt ja sehr spannend
Ich habe mir erlaubt, den Hinweis zu übernehmen. http://gebattm er.twoday.net/stories/1022 635931/
gebattmer - 2017/10/17 18:25
Präventive Archäologie...
Präventive Archäologie muss ich mir merken.
goncourt - 2016/12/28 18:36

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Zuletzt aktualisiert: 2017/10/17 18:26

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Scrinium: Rezension von Wozniak/Nemitz/Rohwedder (Hg): Wikipedia und Geschichtswissenschaft

In der aktuellen Ausgabe von Scrinium. Zeitschrift des Verbandes Österreichischer Archivarinnen und Archivare (Bd. 70, 2016, S. 188-190) ist eine von mir verfasste Rezension eines Open Access verfügbaren Bands zu Wikipedia und Geschichtswissenschaft erschienen, voilà der Text:

Thomas Wozniak, Jürgen Nemitz und Uwe Rohwedder (Hgg.), Wikipedia und Geschichtswissenschaft, Berlin/Boston 2015. XII, 324 S., ISBN 978-3-11-037634-0, Open Access: http://www.degruyter.com/view/product/433564.

Der vorliegende, auch Open Access verfügbare Band ist dem Andenken des 2013 viel zu früh verstorbenen Peter Haber gewidmet, einem Pionier der digitalen Geschichtswissenschaft und der ernsthaften Auseinandersetzung mit der Wikipedia. Die darin versammelten Beiträge gehen zurück auf eine im September 2014 am Deutschen Historikertag in Göttingen abgehaltene Sektion zum Thema „Wikipedia und Geschichtswissenschaft – eine Zwischenbilanz“. Die seit 2001 abrufbare freie Enzyklopädie ist damit endgültig im Mainstream der deutschsprachigen Geschichtswissenschaften angekommen, ein simples Ignorieren oder gar ein Verbot ihrer Benützung durch Studierende, wie es vereinzelt noch vorgeschlagen werden mag, erscheint damit auch für der Papierwelt verhaftete KollegInnen nicht mehr ratsam. Stattdessen steht der kritische Umgang mit der Wikipedia auf der Agenda, der umso dringlicher ist, seitdem ruchbar wurde, dass auch für seriös gehaltene Fachhistoriker daraus plagiieren. Eine gewisse feuilletonistische Prominenz erlangte der Fall der von Arne Janning aufgedeckten Wikipedia-Plagiate in dem von C. H. Beck verlegten Band „Große Seeschlachten“ (1).

Die Artikel des Sammelbands sind von 16 Autoren und nur vier Autorinnen verfasst, womit der unter WikipedianerInnen feststellbare Gendergap sich auch unter jenen ForscherInnen fortzuschreiben scheint, die sich mit der Enzyklopädie beschäftigen; ein aktives Gegensteuern ist hier vonnöten. Die meisten Beiträge beleuchten Details des Umgangs mit der Wikipedia und fügen den von Peter Haber vorgelegten Erkenntnissen (2) nur selten Substanzielles hinzu. Eingangs behandelt Ziko von Dijk die von Haber im Sommersemester 2010 in einem Forschungsseminar als Gastprofessor an der Universität Wien untersuchte Frage, inwieweit Wikipedia-Artikel zum Einstieg in ein Thema geeignet sind, berichtet dabei von seiner Arbeit mit StudentInnen und stellt Überlegungen an, inwieweit sich die Enzyklopädie nicht aufteilen ließe in eine „Wikipedia light“ zum schnellen Nachschlagen und in eine „Wikipedia Scholar“ für Fachleute. Auch Peter Hoeres lässt in seinen Beitrag Erfahrungen aus der akademischen Lehre einfließen, analysiert Wikipedia in Nachfolge von Deleuze als Rhizom und versucht, ausgehend von einer anachronistisch anmutenden antikommunistischen Perspektive Mängel in einzelnen Wikipedia-Artikeln zu belegen.

Mitherausgeber Thomas Wozniak liefert eine Übersicht über die bislang vorliegenden Studien zur Wikipedistik, das heißt der wissenschaftlichen Erforschung der Wikipedia, und zeichnet in einem Exkurs die Entstehung des Begriffs „Theoriefindung“ nach, einer Wortneuschöpfung der deutschsprachigen Wikipedia-Community für den englischen Begriff „original research“. Als „Theoriefindung“ wird die eigenständige Forschung und Produktion neuer Erkenntnisse zu einem Thema bezeichnet, ein Vorgang, der für die Verfertigung von Wikipedia-Artikeln verpönt ist, da diese nur den Anspruch haben, den vorhandenen Forschungsstand zu einem Thema zusammenzufassen.

Es folgen Jürgen Nemitz’ Erfahrungsbericht aus dem Einsatz der Wikipedia in der Lehre und die von Andreas Kuczera referierten Ergebnisse einer Umfrage zur Wikipedia-Nutzung unter KollegInnen. Eine Innenperspektive aus der Wikipedia-Welt kann Frank Schulenburg bieten. Er stellt das 2009 gestartete Wikipedia Education Program vor, das zum Ziel hat, durch Kooperation mit Universitäten bestimmte, in der Wikipedia vernachlässigte Themenbereiche systematisch zu verbessern; nach anfänglichen Kinderkrankheiten – Studierende indischer Universitäten füllten die Online-Enzyklopädie massenhaft mit Plagiaten – war diese Zusammenarbeit durchaus erfolgreich (3). Mit Marcus Cyron kommt im Anschluss ein altgedienter Wikipedianer mit dem Schwerpunkt Archäologie zu Wort, der bereits mehrere 100.000 Edits vorgenommen hat und als „Wikipedian in Residence“ beim Deutschen Archäologischen Institut arbeitete. Er betont, wie sehr die Qualität mancher Artikel an einzelnen Autoren hängt. Cyron ist auch einer jener zehn Wikipedianer, die Andreas Möllenkamp für seinen Beitrag interviewte. Möllenkamp unterscheidet drei Typen der Wikipedia-Mitarbeiter, zum einen die zivilgesellschaftlich Engagierten, dann die Bildungsbürger und Enzyklopädisten und schließlich die Spieler, die ihre Arbeit auch als Unterhaltung betrachten. Ein weiterer sehr aktiver Wikipedia-Beiträger ist Horst Enzensberger, der seine Wandlung vom mittlerweile emeritierten Professor für Historische Hilfswissenschaften der Universität Bamberg zum Wikipedia-Administrator Revue passieren lässt. Wer über die Wikipedia-internen Bemühungen um Qualitätssicherung und -verbesserung, über die „Wikiquette“, die Funktion des Schiedsgerichts und die Befugnisse von AutorInnen, AdministratorInnen, „Oversightern“ sowie „Bürokraten“ informiert werden möchte, ist mit dem Aufsatz von Hans-Jürgen Hübner bestens bedient. Ebenfalls sehr nützlich ist der Beitrag von Patrick Sahle und Ulrike Henny, die Tools vorstellen, mit deren Hilfe Wikipedia-Artikel analysiert werden können, während zwei weitere Beiträge Beispiele für angewandte Wikipedistik liefern: So betreibt Klaus Richter Nationalismusforschung, indem er die Beiträge zur Stadt Vilnius/Wilno in den verschiedenen Sprachversionen vergleicht. Weiters stellt ein AutorInnenteam erste Ergebnisse eines DFG-Forschungsprojekts zum so genannten „Rückschaufehler“ in der Wikipedia vor, indem es die Frage behandelt, wie im Nachhinein der Verlauf bestimmter Ereignisse als zwangsläufig und unvermeidbar dargestellt wird.

Abgeschlossen wird der Band mit einer umfangreichen Bibliographie, die künftiger Wikipedistik als wertvolles Hilfsmittel dienen wird, und einer Chronologie der Wikipedia. Aus dieser geht hervor, dass auf Grund einer falsch gewählten Einstellung die ältesten Versionen der ersten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel gelöscht wurden, weswegen nicht mehr eruierbar ist, welches der erste darin erschienene Artikel war, womit einmal mehr demonstriert wird, vor welch besonderen Herausforderungen die Geschichtsschreibung des digitalen Zeitalters steht.

Anton Tantner

1 Vgl. u. a. Patrick Bahners, Glänzend geschrieben, wenn auch nicht immer von unserem Autor. In: FAZ, 5. 5. 2014, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/der-plagiatsfall-grosseseeschlachten-12924883.html (letzter Zugriff: 22. 3. 2016).

2 Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011, 75–79; ders.: Wikipedia. Ein Web 2.0-Projekt, das eine Enzyklopädie sein möchte. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 63 (2012), 261–270.

3 Mittlerweile gibt es solche Versuche der Zusammenarbeit zwischen Wikipedia und Universitäten auch in Österreich, ein erster Workshop dazu fand im März 2014 statt, siehe https://mitglieder.wikimedia.at/Projekte/Universit%C3%A4ten_und_Hochschulen (letzter Zugriff: 22. 3. 2016).